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ÜBER DAS UNTERRICHTEN VON YOGA

von Erika Smith Iluszko

 

 

Ich habe jahrelang selbst geübt, bevor ich mich getraut habe, eine Yogalehrerausbildung zu machen, und dann noch einmal Jahre gebraucht, bevor ich angefangen habe zu unterrichten – nicht, weil ich nicht gerne unterrichte oder Angst hatte, sondern weil ich großen Respekt vor diesem Handwerk habe. Yoga zu unterrichten ist eine enorme Verantwortung. Für mich bedeutet es einen Dienst – anderen und mir selbst gegenüber.

Ein/e Yogalehrer*in sollte ein Leben nach den Prinzipien des Yoga führen – also das praktizieren, was er lehrt. Diesbezüglich kann es zu erheblichen Verwirrungen kommen. Zunächst einmal geht es bei einem Leben nach den Prinzipien des Yoga um kontinuierliche Praxis und Selbststudium. Es ist keine Frage des Stils. Wie alle Menschen weisen auch Yogalehrer alle erdenklichen Persönlichkeitsmerkmale, Temperamente und menschlichen Probleme auf. Sie erleben gescheiterte Ehen, persönliches Leid und Stress. Sie laufen nicht alle in indischer Kleidung herum. Und entgegen der weit verbreiteten Erwartung sind sie auch nicht immer ruhig und gelassen. Ich werde oft gefragt:
„Sollten Yogalehrer*innen nicht frei von Emotionen sein?“ Meine Antwort lautet einfach:
„Schau dir meine Familie an!“ Ich versichere dir, dass unser Haus genauso voller emotionaler Freuden und Stürme ist wie jedes andere „normale“ Zuhause.
Ein/e gute/r Yogalehrer*in ist auch nicht unbedingt jemand, der alle möglichen komplizierten Asanas ausführen kann. Tatsächlich können einige der besten Lehrer*innen, die ich kenne, aufgrund körperlicher Probleme nicht einmal bequem im Schneidersitz sitzen. Das Leben nach den Prinzipien des Yoga zu leben, bedeutet, an einen Grundsatz zu glauben, der den Lehrer*innen kontinuierlich zu Übungen führt, die zu einer Harmonie von Körper, Geist und Seele führen. Daraus folgt, dass der/die Lehrer*in zum Teil aus Eigeninteresse motiviert sein muss – nicht aus Selbstsucht, sondern aus aufgeklärtem, großzügigem Eigeninteresse.  

„Warum unterrichtest du?“ Meine Antwort: „Um herauszufinden, was ich weiß und was ich nicht weiß.“

Die Verbindung zwischen Lehrer*in und Schüler*in ist wie ein Seil zwischen zwei Bergsteiger*innen. Der/die weniger erfahrene Kletterer*in hinter dem/r Führenden kann nicht weiter aufsteigen, als es der/die Führende ermöglicht. Mir gefällt dieser Vergleich, weil er auch die absolute Vertrauensbindung suggeriert, die zwischen den beiden bestehen muss. Je weiter ein/e Lehrer*in voranschreitet, desto mehr kann er/sie dem/r Schüler*in geben. Auch wenn ein/e Lehrer*in von Eigeninteresse getrieben ist, liegt seine/ihre gesamte Verantwortung beim/bei der Schüler*in. Das grundlegendste Gebot in meinem Unterricht ist, dass nur der/die Schüler*in zählt und der/die Lehrer*in dazu da ist, diesem Individuum zu helfen, sich entsprechend seiner/ihrer eigenen einzigartigen Situation und seinem/ihrem Potenzial zu entwickeln. Bei diesem Ansatz gibt es keine Standards und keine Konformität.

Es besteht kein Bestreben, eine/n Schüler*in den Ideen oder Absichten des/r Lehrer*in anzupassen. Der/die Lehrer*in ist wie ein Spiegel, aber anders als ein Spiegel, der lediglich ein zweidimensionales Abbild zurückwirft. Es ist ein Spiegel, der aus allen Richtungen reflektiert, durch die Zeit hindurch, sich auf Beziehungen zu anderen erstreckt und die Wirkung der Sinne und Emotionen auf den Geist offenbart.

Der/die Lehrer*in muss immer die Wahrheit sagen. Auch dies muss vollständig verstanden werden. Die ausgesprochene Wahrheit darf dem/r Schüler*in niemals schaden. Sie muss entsprechend den Bedürfnissen und der Fähigkeit des/r Schüler*in, die Bedeutung zu erfassen, ausgedrückt werden. Ich würde beispielsweise einem/r Yoga-Anfänger*in nicht das Maha Bandha beibringen, da es für diese Person möglicherweise keinen Sinn ergibt. Der/die Lehrer*in muss sich genau bewusst sein, was gesagt werden muss und was der/die Schüler*in hören kann.

Schließlich, und das ist meiner Meinung nach bei weitem das Wichtigste, muss der/die Lehrer*in sich mehr um seine Schüler*innen kümmern als um sich selbst. Das ist eine Frage des Herzens, nicht des Verstandes. Ich kenne Menschen mit brillanten Köpfen und enormem Wissen über Yoga, die aber nicht unterrichten können. Weil das Unterrichten nicht in ihren Herzen ist. Das ist kein hartes Urteil, denn sie sind alle wohlmeinend und haben auch viel beizutragen. Jeder von uns ist einzigartig, was bedeutet, dass die Fürsorge, die für eine/n Lehrer*in so wichtig ist, nicht bei jedem gleich sein kann.
Für Lehrer*innen zählt nur der/die Schüler*in. Und der/die Schüler*in hat niemals Unrecht. Der/die Schüler*in lernt.

Die Eigenschaften, die wir bei Lehrer*innen suchen, sind daher ein Leben, das der Praxis gewidmet ist, der Nachweis, dass auch sie selbst immer Schüler*innen des Yoga sind, eine stets aufrichtige Art und ein Engagement für das Bewusstsein und die Möglichkeiten der Schüler*innen, jeder auf seine/ihre eigene Weise.

Und vor allem mit Fürsorge.