Rückblick auf 30 Jahre Yoga-Praxis: Erkenntnisse, Wachstum und innere Wandlung
Die Reise durch drei Jahrzehnte Yoga-Praxis war eine tiefgreifende und prägende Erfahrung. Was als einfache Neugier begann, entwickelte sich zu einer lebenslangen Erkundung der Selbstfindung, der Achtsamkeit und des ganzheitlichen Wohlbefindens. Wenn ich auf diese 30 Jahre zurückblicke, bin ich voller Demut angesichts der unschätzbaren Lektionen, die mir das Yoga vermittelt und die meine körperliche, geistige, soziale und spirituelle Welt geprägt haben.
Vor 30 Jahren gingen meine Mutter und ich in einen Antiquariat, wo wir ein altes Exemplar des Mahabharata und des Ramayana fanden. Wir fuhren jeden Monat in die Nachbarstadt, bewaffnet mit leeren Reissäcken, und stöberten stundenlang in Bergen von Büchern. Oh, wie ich den Geruch alter Bücher liebte! Ich kann mich noch gut an den Besitzer des Ladens erinnern, einen alten Mann, dessen Brille auf dem Nasenrücken saß; er bot mir verschiedene Titel für Kinder und Jugendliche an. Ich war 14 und las Nabokov, Rushdie, Orwell, Solschenizyn und dergleichen. Er war damit nicht einverstanden und beschloss, es sei seine Aufgabe, mich vor ungeeigneten Inhalten zu schützen. Meine Mutter hingegen wollte, dass ich so viel wie möglich las, und gab mir stets die Mittel und die Unterstützung, die meine Liebe zum Lesen bis heute aufrechterhalten haben (meine Steuerberaterin war nicht begeistert, als ich ihr letztes Jahr Rechnungen für 142 Bücher schickte!).
Zurück zum Yoga: Als wir nach Hause kamen, schlug ich das Mahabharata auf und war sofort gefesselt. Ich brauchte vier Jahre, bis ich das Buch schließlich zu Ende gelesen hatte. Am nächsten Tag begann ich mit meiner Asana-Praxis.
Was habe ich in diesen 30 Jahren gelernt? Eine schwer zu beantwortende Frage, denn genau wie die vielen Phasen in meinem Leben hat sich auch meine Yogapraxis verändert, weiterentwickelt und an meine jeweilige Lebenssituation angepasst. Meine Praxis reicht weit über die Grenzen einer physischen Matte hinaus. Während Körperhaltungen und Abläufe zwar wesentlich und unverzichtbare Hilfsmittel sind, liegt die wahre Essenz meines Yogas darin, seine Prinzipien in meinen Alltag zu integrieren. Von achtsamer Atmung im Stau über das Üben von Mitgefühl im Umgang mit der berüchtigten Unfreundlichkeit der Wiener*innen bis hin zur Entscheidung, was ich mir anhöre, was ich lese und was ich konsumiere – die Yoga-Philosophie ermutigt mich, bewusst und harmonisch mit meiner Umgebung und allen Wesen darin zu leben.
Yoga hat mir gezeigt, dass Fortschritt ein schrittweiser Prozess ist. So wie es Zeit und Geduld erfordert, bestimmte Körperhaltungen zu meistern, entwickeln sich auch persönliche Entwicklung und Selbstwahrnehmung erst mit der Zeit. Kleine Erfolge zu feiern und Rückschläge als Chancen für Wachstum anzunehmen, ist Teil meiner Yoga-Einstellung geworden.
Meine jahrzehntelange Praxis hat mir gezeigt, wie wichtig bewusstes Atmen ist – nicht nur während der Asanas, sondern auch in Momenten von Stress, Angst und Besinnung. Achtsames Atmen verankert uns in der Gegenwart und schenkt uns Trost und Klarheit inmitten der Stürme des Lebens. Es hat mein Körperbewusstsein geschärft und mir ermöglicht zu erkennen, wie sich Emotionen, Stress und Erfahrungen körperlich äußern. Verspannungen in meinem Körper spiegelten oft ungelöste Emotionen wider. Meinen Körper als Boten zu betrachten, half mir, tiefer in die Selbsterforschung einzutauchen, was Heilung und emotionale Befreiung förderte.
Das Üben und Unterrichten gemeinsam mit Menschen unterschiedlichster Herkunft hat mich gelehrt, dass unsere gemeinsamen menschlichen Erfahrungen unsere Unterschiede bei weitem überwiegen. Yoga überwindet kulturelle und geografische Grenzen, links und rechts, schwarz und weiß, dies und das, und vereint unterschiedliche Menschen auf einer gemeinsamen Reise. Das Akzeptieren meiner Unvollkommenheiten und Grenzen lehrte mich Demut und Selbstmitgefühl. Asanas lehrten mich, Anmut in meiner Einzigartigkeit zu finden und den Weg zu schätzen, ohne mich auf ein perfektes Ziel zu fixieren. Das fließende Ausführen der Körperhaltungen mit Absicht und Achtsamkeit vertiefte meine Achtsamkeitspraxis. Es lehrte mich, dass jeder Moment, ob auf der Matte oder im Leben, eine Gelegenheit ist, vollkommen wach und lebendig zu sein.
In den ruhigen Momenten zwischen den Posen entdeckte ich die tiefe Weisheit der Stille. Meditation und Savasana wurden zu Momenten der Selbstbeobachtung, der Verbindung mit mir selbst und einer Einladung, auf das Flüstern meines Herzens zu hören. Inmitten der Anforderungen des Alltags entwickelte sich Yoga zu einem Rückzugsort der Selbstfürsorge. Es bot mir einen Raum, um neue Energie zu tanken, mich zu regenerieren und mich mit meinen innersten Bedürfnissen zu verbinden. Die Priorisierung der Selbstfürsorge durch Yoga wurde zu einem wesentlichen Aspekt für die Aufrechterhaltung von Gleichgewicht und Wohlbefinden.
Diese drei Jahrzehnte der Praxis haben mir bewusst gemacht, dass ich mein Leben lang eine Schülerin des Yoga bleiben werde. Jede Übung, jede Begegnung und jede Erkenntnis ist eine Gelegenheit, Neues zu lernen. Diese demütigende Erinnerung hält meine Neugierde wach und mein Herz offen für den sich ständig weiterentwickelnden Weg des Yoga.
Nun, 30 Jahre nachdem ich zum ersten Mal das „Mahabharata“ aufgeschlagen habe und einige Jahre, nachdem ich mein Yogastudio eröffnet habe, in dem wir gemeinsam mit meinem wunderbaren Team hoffen, all das Wissen weiterzugeben, das wir erworben haben – so gering es auch sein mag. Ich hoffe, dass Manas Yoga zu einem Ort der Einheit und der Akzeptanz von sich selbst und anderen geworden ist.
