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Das Gefecht im Inneren: Der Leitfaden der Bhagavad Gita für die schwierigsten Entscheidungen im Leben

Stelle dir Folgendes vor: Du stehst an einer Kreuzung. Die Entscheidung, die du treffen musst, erscheint dir unmöglich. Jede Option scheint etwas zu verraten – deine Werte, deine Beziehungen, dein Selbstverständnis. Dein Verstand ist voller Zweifel. Dein Herz fühlt sich wie gelähmt an.

Genau hier beginnt die Bhagavad Gita.

Die Krise, mit der alles begann

Die Gita beginnt auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra, wo der Kriegerprinz Arjuna einem Krieg gegen seine eigenen Verwandten, geliebten Lehrer und Freunde gegenübersteht. Als sich die Armeen auf beiden Seiten versammeln, bittet Arjuna seinen Wagenlenker Krishna, in die Mitte zu fahren, damit er diejenigen, gegen die er kämpfen wird, überblicken kann. Was er sieht, bricht ihm das Herz.

Er lässt seinen Bogen fallen. Verzweifelt setzt er sich hin. Er erklärt, er würde lieber getötet werden, als diejenigen zu töten, die er liebt.

Klingt dramatisch? Vielleicht. Aber haben wir nicht alle schon einmal mit ähnlichen Situationen zu kämpfen gehabt? Der Job, der dich dazu zwingt, deine Integrität zu kompromittieren. Die Beziehung, in der es wehtut zu bleiben, aber unmöglich erscheint, zu gehen. Die Wahl zwischen dem, was erwartet wird, und dem, was sich authentisch anfühlt. Der Moment, in dem das „Richtige“ zu tun mit einem schrecklichen Preis verbunden ist.

Die Gita befasst sich mit der Frage, wie wir schwierige Entscheidungen treffen können und sollten, wenn die Infrastruktur der Konventionen zusammenbricht.

Aus diesem Grund ist die vor über 2000 Jahren verfasste Gita auch heute noch erstaunlich aktuell.

Die drei Wege: Dein Leitfaden für das Leben

Die Gita ist traditionell in drei Abschnitte mit jeweils sechs Kapiteln unterteilt, wobei der Schwerpunkt auf Karma Yoga (dem Weg des selbstlosen Handelns), Bhakti Yoga (dem Weg der Hingabe) und Jnana Yoga (dem Weg des Wissens) liegt.

Stelle dir diese als drei Türen zu ein und demselben Raum vor – dem Raum der Befreiung, des Friedens und deines wahrhaftigsten Selbst.

Kapitel 1–6: Der Weg des Handelns (Karma Yoga)

Die Frage: Wie verhalte ich mich in dieser Welt, ohne von ihr zerstört zu werden?

Krishnas Antwort revolutioniert unsere Sichtweise auf Arbeit, Pflicht und Erfolg. Das Geheimnis besteht nicht darin, sich aus dem Handeln zurückzuziehen – das ist unmöglich und kontraproduktiv. Das Geheimnis besteht darin, die Art und Weise, wie man handelt, zu verändern.

Die zentrale Lehre: Handle ohne Anhaftung an Ergebnisse.

Das bedeutet nicht, dass dir die Ergebnisse egal sind. Es bedeutet, dass du dein Selbstwertgefühl, deinen Seelenfrieden oder deine Identität nicht davon abhängig machst, ob die Dinge so laufen, wie du es geplant hast. Du kontrollierst den Input, aber nicht den Output. Gib dein Bestes, und lass dann die Ergebnisse los.

Für die Yoga-Praktizierenden ist dies alles. Bei deiner Asana-Praxis geht es nicht darum, ob du endlich den Handstand beherrschst. Bei deiner Meditation geht es nicht darum, ob dein Geist zur Ruhe kommt. Es geht darum, ganz präsent zu sein, die Praxis aufrichtig auszuüben und loszulassen, was als Nächstes geschieht.

Im Leben: Schließe dein Projekt mit Exzellenz ab, aber brich nicht zusammen, wenn jemand anderes die Beförderung bekommt. Liebe von ganzem Herzen, in dem Wissen, dass du nicht kontrollieren kannst, ob deine Liebe erwidert wird. Erziehe deine Kinder mit Hingabe und verstehe, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen werden.

Wichtige Erkenntnis aus Kapitel 2: Die Seele ist unsterblich, der Körper vergänglich. Du bist nicht diese vergängliche Hülle – du bist das ewige Bewusstsein in ihrem Inneren. Allein diese Erkenntnis kann deine Einstellung zu Herausforderungen, Verlusten und Veränderungen grundlegend verändern.

Kapitel 7–12: Der Weg der Hingabe (Bhakti Yoga)

Die Frage: Wer oder was ist diese größere Realität, nach der ich suche?

Diese Kapitel wechseln von der Erörterung des individuellen Selbst zur Erforschung von Ishvara – dem Göttlichen, dem universellen Bewusstsein, der Quelle von allem.

Krishna erklärt seine Natur als Quelle von allem, die alle Existenz durchdringt und doch jenseits davon bleibt. Er beschreibt, wie Menschen auf unterschiedliche Weise verehren und wie alle aufrichtige Hingabe letztendlich zu ihm gelangt.

In Kapitel 11 offenbart Krishna seine kosmische Gestalt – eine Vision des gesamten Universums, das in ihm enthalten ist, einen Blick auf die ultimative Realität, der Arjuna sowohl erschreckt als auch verwandelt.

Die Kernaussage: Sich hingeben bedeutet nicht aufzugeben. Es bedeutet, sich herzugeben.

Wenn du erkennst, dass du Teil von etwas bist, das weit größer ist als dein individuelles Selbst, wird Handeln zu Dienst. Das Ego löst sich in Hingabe auf. Angst verwandelt sich in Vertrauen.

Für den Yogapraktizierenden ist dies der Kern der Praxis. Jeder Atemzug in der Meditation, jeder Moment der Stille, jede Selbstbeobachtung wird zu einer Opfergabe. Du „arbeitest nicht nur an dir selbst“ – du nimmst an etwas Heiligem teil und erkennst das Göttliche sowohl in dir als auch außerhalb von dir.

Wichtige Erkenntnis aus Kapitel 9: Biete alles dem Göttlichen an. Die Gita ermutigt uns, unsere Pflichten als Opfergabe an Gott zu erfüllen. Deine Arbeit, deine Herausforderungen, deine Freuden – all das kann zu Verehrung werden, wenn es mit der richtigen Einstellung dargebracht wird.

Kapitel 13–18: Der Weg des Wissens (Jnana Yoga)

Die Frage: Wer bin ich wirklich?

Die erste Lektion der Bhagavadgita handelt davon, zu erkennen, wer wir wirklich sind und wofür wir stehen, denn die meisten unserer Probleme entstehen aus unseren falschen Vorstellungen darüber, wer wir sind.

Diese letzten Kapitel befassen sich eingehend mit der Natur der Realität. Sie unterscheiden zwischen dem Feld (Prakriti – Natur, Körper, Geist) und dem Erkenner des Feldes (Purusha – Bewusstsein, der Zeuge). Sie erklären die drei Gunas – die grundlegenden Eigenschaften, aus denen sich die gesamte materielle Existenz zusammensetzt.

Die Drei Gunas:

Sattva (Klarheit, Harmonie, Güte)

Rajas (Leidenschaft, Aktivität, Unruhe)

Tamas (Dunkelheit, Trägheit, Unwissenheit)

Alles, was du erlebst – deine Stimmungen, dein Essen, deine Gedanken, deine Beziehungen – lässt sich anhand dieser drei Eigenschaften verstehen. Yoga zielt darauf ab, Sattva zu kultivieren und letztendlich alle drei Eigenschaften zu transzendieren.

Die zentrale Lehre: Du bist nicht dein Körper, nicht dein Verstand, nicht deine Emotionen, nicht deine Rollen. Du bist das Bewusstsein, das all dies beobachtet.

Das ist keine abstrakte Philosophie. Wenn du das wirklich verstehst – nicht intellektuell, sondern aus Erfahrung –, verliert das Leiden seine Macht. Denn wer sollte leiden, wenn du erkennst, dass deine wesentliche Natur unveränderliches Bewusstsein ist?

Wichtige Erkenntnis aus Kapitel 18: Die letzte Lehre der Gita fasst alles zusammen. Krishna legt dar, wie man Handeln, Hingabe und Wissen miteinander verbindet. Er beschreibt die Eigenschaften, die für die Befreiung notwendig sind: Losgelöstheit, Disziplin, Hingabe und vor allem Weisheit.

Die revolutionären Lehren der Gita für das moderne Leben

Erfülle deine Pflicht – aber definiere neu, was das bedeutet.

Krishna überredet Arjuna, seine Pflicht als Krieger zu erfüllen. Bevor du jedoch denkst, dass es hier darum geht, blindlings deiner vorgegebenen Rolle zu folgen, solltest du Folgendes verstehen: Dharma (Pflicht) bedeutet in der Gita nicht, sich äußeren Erwartungen anzupassen. Es bedeutet, im Einklang mit deiner tiefsten Wahrheit zu handeln und gleichzeitig dem Allgemeinwohl zu dienen.

Dein Dharma ist einzigartig für dich. Es geht nicht darum, was die Gesellschaft erwartet, was deine Eltern wollen oder was in den sozialen Medien beeindruckend wirkt. Es geht darum, deinen authentischen Lebenszweck zu entdecken und den Mut zu haben, ihn zu leben – auch wenn es schwer ist.

Das Verlangen ist nicht der Gegner – die Bindung ist es

Krishna lehrt, dass die Bindung an Gegenstände zu Sehnsucht führt, aus Sehnsucht entsteht Wut, aus Wut entsteht Verblendung und aus Verblendung entsteht der Verlust des Verständnisses.

Die Gita fordert dich nicht dazu auf, keine Wünsche mehr zu haben. Sie fordert dich dazu auf, deine Wünsche locker zu nehmen. Wünsch dir die Beförderung, aber mach sie nicht zu einem Teil deiner Selbstwertschätzung. Wünsch dir die Beziehung, aber mach sie nicht zu deiner gesamten Identität. Verfolge deine Ziele, aber lass dich nicht von ihrem Erfolg oder Misserfolg definieren.

Das ist Befreiung: sich etwas von ganzem Herzen zu wünschen, ohne an etwas gebunden zu sein.

Du hast keine Kontrolle – aber du bist auch nicht hilflos

Hier wird die Gita auf wunderschöne Weise paradox. Wir binden uns durch unsere Wünsche und Handlungen und geraten so in den Kreislauf von Geburt und Tod und die Kräfte der Natur. Dennoch haben wir auch den freien Willen, in jedem Moment selbst zu entscheiden, wie wir reagieren.

Man kann den Fluss nicht kontrollieren (wie wir aus Draupadis Lehre gelernt haben), aber man kann durchaus kontrollieren, wie man schwimmt. Man kann nicht kontrollieren, was das Leben einem vor die Füße wirft, aber man kann kontrollieren, wie man damit umgeht – mit Weisheit, Gelassenheit und Anmut.

Meditation ist keine Flucht – sie ist Vorbereitung

Kapitel 6 enthält detaillierte Anweisungen zur Meditation. Aber Krishna lehrt Meditation nicht als einen Weg, um dem Leben auszuweichen. Er lehrt sie als einen Weg, um dem Leben geschickter zu begegnen.

Man braucht einen starken Intellekt, um den Geist zu beherrschen, der von Natur aus zu Impulsen und Ablenkungen neigt. Meditation entwickelt diesen starken Intellekt. Sie trainiert dich darin, deine Gedanken zu beobachten, ohne dich von ihnen mitreißen zu lassen. Sie fördert die innere Stabilität, die du brauchst, wenn das Leben chaotisch wird.

Alle Wege führen zur gleichen Wahrheit

Eine der schönsten Lehren der Gita ist ihre Inklusivität. Krishna sagt nicht: „Entweder mein Weg oder gar nichts.“ Er erkennt an, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Ansätze benötigen. Manche fühlen sich zum Handeln hingezogen, manche zur Hingabe, manche zur philosophischen Suche.

Alle sind gültig. Alle führen nach Hause.

Das ist Yoga im tiefsten Sinne – nicht nur Posen auf einer Matte, sondern die Vereinigung deines individuellen Bewusstseins mit der ultimativen Realität, wie auch immer du diese Realität verstehst.

Die Gita auf deine Yoga-Praxis anwenden

Die Gita ist nicht nur ein philosophischer Text – sie ist ein praktischer Leitfaden für die Transformation. Hier erfährst du, wie ihre Weisheit die acht Glieder des Yoga beeinflusst:

Yamas & Niyamas (ethische Grundlagen): Die ausführliche Erörterung göttlicher und dämonischer Eigenschaften in der Gita (Kapitel 16) bietet einen Rahmen für ethisches Leben. Kultiviere Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Zufriedenheit und Selbststudium.

Asana (Körperhaltungen): Übe mit vollem Einsatz, aber ohne Anhaftung an Ergebnisse. An manchen Tagen ist dein Körper offen, an anderen Tagen nicht. Das Üben besteht darin, präsent zu sein, nicht darin, die perfekte Haltung zu erreichen.

Pranayama (Atemkontrolle): Die Gita erwähnt wiederholt die Kontrolle der Sinne und des Geistes. Pranayama ist dein Werkzeug dafür – das Training des Groben (Atem), um das Feinstoffliche (Geist) zu beeinflussen.

Pratyahara (Sinnesentzug): Kapitel 2 beschreibt den weisen Menschen als jemanden, der seine Sinne zurückziehen kann, wie eine Schildkröte ihre Gliedmaßen einzieht. Dabei geht es nicht um Unterdrückung, sondern um Beherrschung – darum, zu entscheiden, wohin man seine Aufmerksamkeit lenkt.

Dharana, Dhyana, Samadhi (Konzentration, Meditation, Vertiefen): Der gesamte mittlere Teil der Gita befasst sich damit, den Geist auf das Göttliche zu richten. Das ist Meditation – nicht das Leeren des Geistes, sondern das Füllen mit dem Höchsten.

Dein Gefecht wartet

Am Ende der Gita, nach 700 Versen tiefgründiger Lehren, stellt Krishna Arjuna vor die Wahl. Er befiehlt nicht. Er zwingt nicht. Er sagt im Wesentlichen: „Ich habe dir alles mitgeteilt, was ich weiß. Nun tu, was dir richtig erscheint.“

Und Arjuna, dessen Verwirrung sich aufgelöst hat und dessen Ziel klar ist, sagt: „Meine Verblendung ist verschwunden. Ich werde tun, was du sagst.“

Beachte: Seine Verblendung ist nicht verschwunden, weil er alle Antworten hat, sondern weil er Klarheit über seinen nächsten Schritt hat. Er kann sein Dharma klar erkennen. Er kann handeln.

Das ist es, was dir die Gita bietet. Keine Gewissheit darüber, wie sich alles entwickeln wird. Keine Garantie dafür, dass das Leben einfach sein wird. Aber Klarheit darüber, wer du bist, was wichtig ist und wie du auch dann integer handeln kannst, wenn der Weg schwierig ist.

Die Bhagavadgita lehrt uns, wie wir in dieser Welt leben, unsere Pflichten erfüllen und dennoch wie Lotusblätter im Wasser des Lebens bleiben können – in der Welt, aber nicht von dieser Welt, engagiert, aber nicht verstrickt, aktiv, aber nicht gebunden.

Die Praxis: Drei Fragen aus der Gita

Während du deinen Tag verbringst – sei es auf deiner Matte oder in deinem Leben – behalte diese drei Fragen im Hinterkopf:

Handle ich mit vollem Einsatz, aber ohne Anhaftung an Ergebnisse? (Karma Yoga)

Erinnere ich mich daran, dass ich Teil von etwas bin, das größer ist als ich selbst? (Bhakti Yoga)

Identifiziere ich mich mit meiner wahren Natur oder habe ich mich mit meinen sich verändernden Lebensumständen verwechselt? (Jnana Yoga)

Das sind keine Fragen, die man einmal beantwortet und dann abhaken kann. Es sind Fragen, mit denen man leben, an denen man wachsen und die einen im Laufe der Zeit verändern können.

Denn darum geht es letztendlich in der Gita: um Transformation. Nicht darum, jemand Neues zu werden, sondern darum, zu erkennen, wer man unter all der Verwirrung, unter all der Angst, unter all dem endlosen Streben schon immer gewesen ist.

Du bist nicht der Krieger, der wie erstarrt auf dem Schlachtfeld steht.

Du bist das Bewusstsein, das all dies beobachtet – ewig, unerschütterlich, frei.